Zum Inhalt springen

meine Zweitheimat

Ich war schon immer eine begeisterte Wanderin. So war ich jedes Mal ganz glücklich, wenn ich mit jemandem über die zauberhaften Naturlandschaften in unserem Land sprechen konnte.

Irgendetwas richtete meine Aufmerksamkeit auf das Bergell. Ich weiß jetzt gar nicht mehr genau was es war, das mich so brennend reizte, diese Region kennen zu lernen. Waren es vielleicht die Berichte über die malerischen Kastanienwege, die im Herbst zur Vollendung heranreiften und die Münder ihre Genießer mit ihrer Lieblichkeit verwöhnten? Oder waren es die einstigen Künstler, die in der hintersten Ecke des Landes, genauer gesagt zwischen den zauberhaften Bergen Graubündens und dem mediterranen Eingang Italiens, sich von der Schönheit inspirieren ließen? Irgendetwas versprühte eine gar unheimliche Faszination für eine seltene Sprache der Natur. Dessen war ich mir sicher.

Es war dann mehr dem Zufall zu verdanken, dass ich mit dieser Region endlich Bekanntschaft schließen durfte. An einem Weihnachtsmarkt lief ich zufälligerweise einer Bekannten über den Weg. Wir sahen uns, fanden im ersten Moment auf natürliche Weise zueinander und erkannten uns im anderen wieder. Beide waren wir verblüfft, wie sehr wir uns ähnelten, in unserer Weltanschauung, unserer Gesinnung, unserer Empfindung.

Und dann geschah etwas…, Daniela offenbarte mir, dass sie seit kurzem in den Bergen des Bergells zuhause war. Ich blieb fassungslos. In mir drinnen jedoch wurde etwas wieder erweckt. Das Gefühl…, ich musste endlich dorthin. Es war offensichtlich und ich musste es ihr sagen. Dass ich seit langem den Wunsch hegte, ins Bergell zu gehen. Aufmunternd zwinkerte sie mir zu, ich hätte ja jetzt einen Platz und ich sei herzlich willkommen. Da hatte wohl gerade jemand ein lang ersehntes Weihnachtsgeschenk unter meinen Christbaum gelegt.

Es verging eine geraume Zeit, bis es dann soweit war. Kurz vor Weihnachten besuchte ich Daniela zum ersten Mal in Maloja. Als das Postauto um die Ecke bog und ich sie erspähte, fühlte ich mich sogleich zuhause.

Das Dorf strahlte eine Ruhe aus, etwas Unbelastetes und versprach ein Freisein und zugleich eine Offenheit. Am selben Tag besuchten wir das bekannteste Dorf des Bergells, Soglio. Nebelschwaden hingen über den Bergen und die Wolkendecke verlieh dem verschlafenen Dorf ein Hauch von Mystik und Schleierhaftigkeit. Auf einem kurzen Spaziergang durchforschten wir seine Gassen und genossen im alten Patrizierhaus im Dorfkern eine heisse Schokolade.

Auch da war es wieder…, dieses Gefühl von vertraut sein. Daniela spiegelte mein eigenes Ich in ihren blauen Augen, ihr Antlitz schimmerte mir entgegen und ich erkannte in ihrem seelischen Strahlenmeer eine Art Schwesterlichkeit. Lange Nächte mit Gesprächen folgten, die uns in die hintersten Täler der gegenseitigen Inspiration entführten und ein Zauber lag in der Luft. Unsere Phantasien vermählten sich und wir ahnten beide, dass dies der Beginn einer langen Freundschaft ist, die uns beide gleichzeitig in unser Inneres wie auch in ferne Länder der unbegrenzten Möglichkeiten bringen würde.

Es geschah dann wie von Zauberhand. Immer wieder nahm ich die Reise auf mich und pendelte in die Berge dort droben, zu meiner Freundin und zur Mutter Natur.

Im Bergell sind Arven und Lärchen zuhause. Sie liebkosen sich und schenken dem Besucher eine märchenhafte Umgebung. Auf Spaziergängen kommt man mit den zarten Energien der Bäume, Blumen und Bergseen in Kontakt. Teilweise begegnet man lediglich der stillen Einsamkeit und ist auf weiter Strecke mit sich alleine.

Es ist nicht die Einsamkeit, die einem trennt, sondern es ist das Zwiegespräch mit sich und der Umgebung, die das eigene Lebendigsein in seiner Ganzheit offenbart.

Ich wähnte mich im puren Glück. Fühlte, dass alles mit mir in Ordnung ist und konnte meinem Herz zuhören, lauschte der innerlichen Freude und hüpfte über Wurzelstöcke.

Daniela öffnete Türen und Tore für mich. Ihr Zuhause gestaltete sie zu meinem Zuhause und ich fühlte mich sofort Daheim, mit Haut und Haaren, Geist und Seele. Entwaffnet.
Unsere Gespräche kannten kein Ende und jedes Mal lächelten wir uns aufs Neue zu, beim Wiedersehen und beim Abschiednehmen.

So füllte sich mein Herz immer mehr mit Liebe für diesen Ort, den ich zur Perle meines Daseins erkor. Ich konnte nichts dagegenhalten, ich hatte mich verliebt.

So kam dann auch der Gedanke, meinen Lebensmittelpunkt ganz in das Oberland zu verlagern. Es würde jedoch anders kommen.., denn ich hatte Verpflichtungen und eine verheißungsvolle Beziehung, die mich veranlassten, im Unterland zu bleiben.

Im Herzen wohne ich jedoch schon lange dort, inmitten traumhafter Bergkulissen, am silbernen See von Sils, der bereits etliche Künstler in seinen Bann gezogen hat. Nietzsche erkannte die Kraft des Ortes, umgeben von der Magie seiner Landschaft.

Das Lichtspiel erhellt die Stimmung und verspricht Glanz, seelischen Wohlstand und körperliche Gesundheit. Die Luft geschwängert vom lieblichen Duft der benachbarten Arven und Lärchen, im Sommer ergänzt durch die fröhlichen Farben der Alpenrosen.

Man kann nicht anders als staunen und die Schönheit verharmlost alle Sorgen und vertreibt Unmut und Tumult.

So behüte es gut, das Geheimnis, das diese Region enthüllt. Seine einmalige Schönheit, als Vermächtnis unberührter Natur. Geistreiche Ideen seiner Besucher, die ihre poetische Ader ins Fliessen bringen, dort oben im Verborgenen. Mit aller Wucht der Einsamkeit, die du erfährst und verborgene Schätze des eigenen Werts sich dir offenbaren. Neue Möglichkeiten erschaffend, Vertrauen schenkend, das Herz genesend. Aber sei sachte mit der Herrlichkeit, denn sie ist kostbar, verwundbar, auf ihre Weise unsterblich und unverderblich.

für Daniela aus Maloja

 

 

 

Bisher keine Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: