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Entspannung versus Anspannung

„Lass uns doch wiedermal entspannen“, ruft sie mit Nachdruck dem arbeitswütigen Gemahl zu und läutet die Glocke der Muße und des nützlichen Untätig-Seins. Trotz vieler Arbeit weiß die Dame des Hauses um den Wert des Nichtstuns. Der Herr kommt schweißgebadet zu seiner Frau und zusammen setzen sie sich auf die Schaukel vor dem Haus und gönnen sich gemeinsame Ruhestunden. Miteinander abschalten und den Genuss frönen, um dem Gezwitscher der Vögel und der Taube des Friedens zuzuhören.

Die Verlockung ist groß, alle noch nicht erfüllten Tätigkeiten in einen Tag hineinzuwürgen, um dann am Abend mit gutem Gewissen die Hände in den Schoss zu legen und darauf keine unguten Gefühle zu hegen.

Geistig wird der Tag zurückgeblendet und nachgeprüft, ob dann auch die Ziele erreicht sind, die man sich vorbildlich und löblich gesteckt hat. Man will ja nicht als unproduktiv gelten und sich gar für den Müßiggang schelten.

Entspannung versus Stress: Seelische Ausdehnung kommt im Idealfall nach psychischer Anspannung.

Wir denken, dass wir Stress brauchen, um als wertvolles Glied in der nach Beschäftigung drängenden Gesellschaft wertgeschätzt und wahrgenommen zu werden. Doch Stress ist nicht immer nur positiv und produktiv. Schnell kippt er die Befindlichkeit ins Ungleichgewicht und alle Freude weicht der Angespanntheit und der Niedergeschlagenheit.

Abgeschlagen würgen wir alles hinunter. Von geistiger bis körperlicher Nahrung. Unser Geist ist immer auf der Überholspur und jagt dem nächsten Unterfangen hinterher. Da bleibt keine Zeit mehr für Beschaulichkeit und Erholung. Das sind Dinge, die man sich höchstens in den Ferien erlauben kann. Wenn überhaupt.

Entspannung fordert unsere Aufmerksamkeit ein. Denn sie ist nichts Selbstverständliches mehr. Bewusst muss sie ins vollgepackte und ambitiöse Leben integriert werden.

Burnout als klassisches Phänomen der Neuzeit kann uns alle ereilen und tut es auch häufig. Sogar Jugendliche im knackigen Alter zeigen Anzeichen von Überbelastung und daraus resultiert mitunter ein selektionsloses Besäufnis.

Natürlich ist ein Spannungsaufbau lebensnotwendig. So steigern wir uns mit lebhaftem Interesse in etwas rein und alles ringt in uns nach neuen Erkenntnissen, spannenden Erfahrungen und bereichernden Wissensschätzen.

Doch die Spannung muss auch irgendwann mal wieder nachlassen, um zu regenerieren und zur Gelassenheit zurückfinden.

Überspanntheit strapaziert unser Nervensystem und schwächt unser Immunsystem. Krankheit als Folge von Missachtung der eigenen Ressourcen ist die Folge davon. Bald darauf boomt der Antidepressiva-Gesundheitsmarkt und die neue Errungenschaft verspricht psychische Genesung und ein wirkungsvolles Rezept für autarke Persönlichkeiten.

Emotionalität wird reguliert und sodann verstummen die unschönen Gefühle. Gleichmut und eine Art Gleichgültigkeit stopfen diffuse seelische Löcher.

Für eine kurze Zeit helfen diese Wunderpillen, damit man weiter funktionieren kann. Doch sind sie die wahren Helfer der langfristigen Gesundung? Machen sie uns rundum munter und heilen sie uns?

Unangenehme Gefühle können auch als Vorbote betrachtet werden für die notwendige Achtsamkeit. Oftmals sind sie unabdingbar für die Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit.

Unangenehm ist es alleweil und zu schnell wirft man den Bettel der Verantwortung hin und verdrängt das Unheil.

Heilung geschieht laut Heilkundigen oftmals in der Phase der Entspannung und des Loslassens. Dann kehrt der Mensch um, verlässt die Hektik des getriebenen Geistes. Gedanken kommen zur Ruhe und alles wird aus Distanz betrachtet. Die Sorge überlässt der Erkenntnis das Feld. Diese veranschaulicht, dass triviale Kümmernisse oftmals ohne aktives Zutun verschwinden. Indem unterschieden wird, was wichtig ist und was freigelassen werden kann. 

Ob krank oder gesund, Entspannung ist immer angebracht. Mit gutem Gewissen dürfen die Zügel der Pflicht im regelmäßigen, zeitlichen Abstand gelockert werden und es darf gleich ein paar Male tief durchgeatmet werden. Dann möge man sich in die Hängematte legen und die eigene gute Verfassung pflegen.

Glieder strecken, Lebensgeister wecken, Augen schließen, die Stille genießen. Dies genügt fürs Erste…

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