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(Ver-)Urteilen

Wann steht es uns zu, zu urteilen? Damit stelle ich die Frage in den persönlichen und nicht in den juristischen Kontext und möchte darauf abzielen, sich bewusst zu werden, wann denn ein Urteil nötig oder relevant ist für mögliche Konsequenzen und Lösungsansätze.

Wird der Mensch, sobald er die volle Verantwortung für sein Tun übernimmt, vom Urteil freigesprochen oder sollte er von uns an seiner Untat festgemacht werden? Wäre es sinnvoll zu verhindern, dass er als Person gänzlich zu Grabe getragen wird und niemals mehr aus der Erinnerung an seine Gräueltat befreit wird?

Wann gilt der Mensch als Unmensch? Wann darf ihm nicht mehr verziehen werden für seine Fehltritte, die er sowohl seinen Gleichgesinnten wie auch seinen Gegenspielern angetan hat? Wann bleibt er verachtenswert und verliert seinen persönlichen Wert?

Gibt es eine Schmerzgrenze?

Gewalt, Diskriminierung gegen andere Religionen und Kulturen, gegen politische Gegner sind klar erkennbare Gegebenheiten, die es zu verurteilen gilt. Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen und ignorieren. Das ist ganz klar.

Und wie verhält es sich mit der sogenannten generell verdammten, dunklen Seiten des Menschen? Als Beispiel geballte Emotionen und unberechenbare Handlungen. Dinge, die unkontrollierbar erscheinen, denen wir gelegentlich ausgeliefert sind. Die wir hoffentlich zu beherrschen wissen, bevor sie uns ganz entgleiten und uns in den Kerker des total erkrankten Menschen werfen. Bleiben einige von uns verschont oder beherbergen wir alle das Risiko in uns, der dunklen und unberechenbaren Seite zu unterliegen? Sind Traumata dafür letztendlich verantwortlich oder zeigt auch der als gesund geachtete Mensch mögliche Untiefen der Verblendung und Zerstörung? Schmerz als mögliche Ursache für unkontrollierbare Gefühle, die uns vereinsamen und uns blockieren?

Kann Böses delegiert werden? So dass man sich freisprechen kann, sobald einem nichts mehr nachgewiesen werden kann? Kann Vergeltung je legitimiert werden? Zum Beispiel im Fall einer Attacke von außen wenn uns Gefahr droht und wir aus Not handgreiflich werden? Sollen Täter aus der Gesellschaft verbannt werden? Gibt es eine Chance, dass wir auch solche Menschen rehabilitieren oder verdammen wir sie zu Tieren, die keine Integration mehr verdienen? Wann besteht die Möglichkeit, wieder aufgenommen zu werden? Lassen wir die hässlichen Kreaturen lieber aussterben? Einsam und verlassen, nachdem wir begonnen haben sie zu hassen? Gibt es Rettung für solche abstruse Phänomene?

Ich denke es wäre weise und intelligent, nach Lösungen zu suchen, die uns erlauben, auch solche Menschen als Menschen zu behandeln. Was wären wir für eine Gesellschaft, die nichts anderes weiß, als unschöne Dinge auszuschlachten und alles Drohende kompromisslos zu verachten? Es muss doch eine Lösung geben, die uns ermöglicht, auch mit Krankem umzugehen und aus dem Lot gebrachte Dinge zu rehabilitieren und wieder ins Zentrum des Gesundseins zu rücken.

Ich denke nicht, dass der Mensch per se schlecht ist. Doch Gefühle, Verletzlichkeit, Sensibilität und die Gabe, Dinge an sich heranzulassen, die Schmerzen und Leiden verursachen, beinhalten leider auch die Gefahr, dass sie den Menschen in seinem Inneren erfassen und ihn darauf in ein Loch stürzen, aus dem er nicht einfach wieder heraufsteigen kann, ohne fremde Hilfe.

Jeder Mensch langt nach Liebe und Verständnis. Auch wenn er komplett aus seiner eigenen Mitte gerückt und allmählich ganz verrückt ist. Es gibt einen Teil in ihm, der Gutes verspricht. Manchmal ist’s verschüttet und verkümmert.

Natürlich braucht er Unterstützung und eigene Erkenntnis, dass er sich ändern muss. Dass er sein Umfeld nicht durch Zerstörung mit sich in die Tiefe der eigenen Hoffnungslosigkeit und Selbsthass herunterreißt.

Es erschüttert mich zutiefst, dass wir Menschen, die eigentlich ihr Bestes gaben, um der Gesellschaft zu dienen, unseren Zuspruch und unsere Unterstützung versagen und sie verurteilen für Dinge die ihr Dasein verdunkeln. Denken tue ich im Moment an diesen Mann der nun seine sexuellen Phantasien mit der Öffentlichkeit zu teilen hat dafür verachtet und von den Moralisten feierlich gehasst wird.

Hat er Gewalt angewendet? Hat er geschändet? Darf eine öffentliche Person nicht auch ihre Fehler haben, die es klar zu bereinigen gilt, für die er jedoch nicht gänzlich nun als gestörte Kreatur stigmatisiert wird?

Wollen wir Menschen verpönen und zu psychisch Kranken machen ohne dabei zu beachten, was wir ihnen damit antun? Vorbei ist’s mit dem Ruhm aber möglicherweise auch mit der eigenen Gesundung.

Wir sollten uns fragen, was dieses Verurteilen für mögliche Konsequenzen beinhaltet. Vorsicht walten bei der Vergeltung für durchaus tadelnswertes Verhalten. Haben wir nicht alle irgendwelche Schwächen und wollen nicht einzig für diese gesehen werden? Ich würde lieber sterben, als zu fühlen und denken, ich hätte nur Schwäche und Hässlichkeit zu bieten.

So appelliere ich an die Vernunft des Menschen, die Gnade zu haben, an die Möglichkeit zur Verbesserung und Gesundung der Psyche eines Menschen zu glauben. Wir sollten darauf vertrauen und den Austausch pflegen, gesunde und durchaus nützliche Seiten im Menschen achtsam zu werten. Unterstützung anbieten, um sich aus der Unberechenbarkeit herauszuwinden.

Ich wünsche dir Kraft, G.M., in dieser schweren Stunde. Du sollst nicht denken, dass du nun wertlos für uns bist. Zu nützlich erscheinst du mir als Mitglied unserer Gesellschaft. Als dass du nicht mehr würdig bist, uns mit deinen Fähigkeiten zu bereichern. Stelle bitte für dich gesunde Weichen. Und lass dich nicht durch deine Feinde erweichen.

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