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Die Kunst des Nicht-erreichbar-seins oder das Recht auf Nichterreichbarkeit

Wie lange kannst du es dir leisten, nicht erreichbar zu sein? Gibt es kurze Momente, die du ohne dein Handy verbringen kannst? Losgelöst vom Gefühl, gleich sofort antworten zu müssen? Nicht auf Empfang zu sein. Alleine mit dir zu verweilen.

Tickst du noch richtig, wenn du dich für einen Tag ohne Telefon entscheidest? Die Inbox nicht kontrollieren zu müssen. Kannst du dir trotzdem den Tag versüßen? Wie fühlst du dich dabei? Macht es dir frei? Oder fehlt dir die Stimulierung dieser Mitteilungen? Oh weh, ich bin so aufgewühlt, schuldbewusst und ohne jegliche äussere Information. Was mache ich nun mit dieser neuen Situation?

Ausgeschaltet und zuhause gelassen. Dabei bleibst du gelassen und kannst dich gleichwohl innerlich entspannen. Auch wenn du weißt, dass es Leute gibt, die dich sehnsüchtig suchen und auf deine Antwort warten. Sie sollen warten. An diesem einen Tag.

Gibt es das sogenannte „Antwort-innerhalb-fest gelegter-Frist-Gesetz“, das wir befolgen müssen? Gibt es den Feierabend noch, der zur Einkehr einlädt und uns von den Verantwortungen gegenüber Dritten entlässt? Ab ins wohlige Nest. Wo Zeit für die Familie und unsere Liebsten bleibt. Wenn möglich ohne Streit. Denn Ablenkung wird dadurch reduziert und Achtsamkeit einander gegenüber indiziert.

Wir sind getrieben. Durch die lieben Medien. Social Networks verschaffen einen besonderen Reiz und schnell dominiert ein intimer Geiz. Selbstverherrlichung gelingt einfacher, wenn man dem Gegenüber nicht in die Augen schauen muss. Vorbei mit dem Genuss, zu riechen, spüren, fühlen, schmecken. Man kann sich auf eine neue und unaufhaltsame Weise necken.

Wir treiben’s bunt zur später Stund’. Neugierig wollen wir sein, ohne uns Blöße zu geben. Viel einfacher gelingt dies, wenn wir unsere Anonymität beleben. Doch ersetzt das virtuelle Leben das eigentliche sinnliche Zusammensein? Ist es ebenso eine schöne Art, sich gegenüber zu treten? Erkennen wir die wirklich wahren Werte im anderen?

Und wie steht’s um die Einsamkeit? Steht die körperliche Berührung mit der mentalen Stimulierung im Wettstreit? „Ich kann dich gut riechen“. Gelingt uns das durchs Internet? Ich bezweifle es. Bewundere tue ich die älteren Menschen. Unsere Großeltern, die den physischen Kontakt kennen. Und nur schmunzeln und die Stirne runzeln ob der neuen technophilen Welt. Die keine nähere persönliche Kontakte mehr kennt.

Kürzlich hat ein achtzigjähriger Mann mir gesagt, dass das Handy eine Krankheit von uns modernen Menschen sei. Eine andere und neue Welt, das ist klar. Für manche komplett unverständlich und doch für viele von heute wahr.

Liebe kennt angeblich keine Grenzen. Sie kann auf diverse Arten ausgelebt werden. Sterben tuen wir nicht daran, sie nie körperlich erfahren zu haben. Doch reich werden wir, wenn wir uns an ihr laben. Physisch. Das kann man sich nicht ausdenken. Vielleicht mit viel Phantasie gelingt es, uns in eine solche Vermählung hineinzudenken. Aber es ist nicht dasselbe. Kein Gerät kann diese Erfahrung ersetzen.

So bleibe gelassen und lass dein Handy ausgeschalten. Lenke deine Aufmerksamkeit auf dich selbst und deine hübsche Begleitung. Ich denke, die Möglichkeit besteht durchaus, dass dir dies nicht Leid tut. Wenigstens für heute. Morgen darfst du es mit gutem Gewissen wieder einschalten. Und all deine Kontakte von neuem verwalten.

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