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Ein Beschwerdebrief an die Erwartung

Sehr geehrte Erwartung

Nein nein, ich bin nicht in Erwartung, sondern trage einfach unnötige, beinahe lästige bis belastende Erwartungen mit mir herum. Deshalb schreibe ich dir. Bitte erlaube mir, dich zu duzen, liebste Erwartung. Denn wir scheinen uns ja bereits seit meiner Geburt zu kennen. Oder zumindest seitdem ich denken kann.

(Gibt es eigentlich Menschen, die sehr wenig bis keine Erwartungen an andere Menschen haben? Wenn ja, wie machen die das? Und was verbirgt sich hinter zu hohen Erwartungen?)

Zurück zu dir, meine treue Erwartung. Oft stehst du mit mir morgens auf und läufst mir dann den ganzen lieblangen Tag hinterher. Was erwartest du von mir, liebe Erwartung? Dass ich dir zuhöre und es kaum erwarten kann, dass du mich mal wieder mit deiner gefürchteten Gedankenpeitsche ermahnst und dich in meinem Gehirn festsetzt? Wollen wir uns heute vertragen und einmal keine Erwartungen haben, liebste Erwartung? Oder schleichst du dich aus dem Hinterhalt hervor, sobald ich mal wieder gedanklich unbewusst dahin hirne und für einen kurzen Augenblick mal nichts erwarte vom Leben?

Bitte liebe Erwartung, verschone mich doch nur für einen einzigen Tag mit deiner Ankunft und deiner immer währenden Präsenz. So kann ich mit gutem Gewissen den Tag begrüßen, ohne unnötige Enttäuschungen kassieren zu müssen. Enttäuschungen, die auf dem Erwartungsmist wachsen und wohlgemerkt dir zu verdanken sind, liebste Erwartung.

Aber wer bist du denn eigentlich nun? Bist du persönlich oder bist du eine eher unpersönliche, bzw. gesellschaftsdefinierte Natur? Ein Unding, das seine Untat direkt ins Herz der Erwartungsfreudigen platziert? Wie, liebe Erwartung, kommt man dir auf die Schliche und inwiefern kann man dich sauber und diskret wieder aus dem Leben schaffen? Denn häufig generierst du Schmerz für mich und mein Herz und für die Herzen meiner Mitmenschen.

Erwartungen darf man im Leben schon haben, liebste Erwartung. Aber nur solange man diese bewusst und klar definiert. Finde ich zumindest.

Oftmals bist du eine unerwünschte Begleiterscheinung und verdirbst mir die Spontanität. Du trägst zu meiner Inflexibilität bei. Borniert halte ich dann an dir fest, spanne mit dir zusammen und schon droht mir Ungemach! Als Folge einer zwanghaften Erwartungshaltung. Alles nur dir zu verdanken, liebe Erwartung. Danke vielmals. Das hätte ich nicht erwartet.

Und wie kann ich mich nun resolut von dir trennen, liebe Erwartung? Ich meine dort, wo du mir im Wege stehst und mich und andere drangsalierst? Erkenne ich denn, wenn du wiedermal Boshaftes mit mir und mich zur Unvernunft treibst?

5 mögliche Schritte, wie man sich vor unnötigen Erwartungen befreien oder schützen kann, die dem glücklichen Sein im Wege stehen:

  1. Wenn man sich über andere Menschen nervt und aufregt, dann sollte man sich zuerst fragen, welchen Erwartungen diese Menschen nicht entsprechen. Erwartungen, die man eigens für sich und andere definiert hat.
  1. Was passiert, wenn ich die Erwartungen an mich selbst nicht erfülle? Kann ich ein Korrektiv veranlassen und mich dann immer noch okay fühlen? Zum Beispiel indem ich mir mehr Zeit für etwas nehme? Oder einen zweiten Anlauf wage und mein Scheitern nicht sofort verurteile?
  1. Kann ich andere Menschen mögen, auch wenn sie etwas tun, was mir nicht gefällt? Kann ich verzeihen und mich und meine Erwartungen zurücknehmen? Vielleicht auch erst im Nachhinein? (Ich schreib’s mir selbst hinter die Ohren. Noch besser auf die Pinnwand in der Garderobe).
  1. Wenn ich merke, dass meine Erwartungen nicht erfüllt werden, sofort fragen: „Machen mich meine Erwartungen freier oder engen sie mich eher in meiner Befindlichkeit ein?“
  1. Welche 5 Erwartungen decken sich mit den Erwartungen an mich und mit den Erwartungen an andere Menschen? Welche sind (nur) alte Muster, die ich unbewusst als geerbtes Moralgeschenk in mein individuelles Leben mitgeschleppt habe?

Viel Erfolg. Und bitte nicht von Anfang an zu hohe Erwartungen haben!

  1. Leser #

    Aus meiner Erfahrung haben Menschen welche keine Erwartungen an andere stellen hohe Erwartungen an sich selbst. Sie stellen sich die Aufgabe dem gegenüber Verständnis entgegen zu bringen in völlig unverständlichen Situationen. Der Grund dafür ist ein sehr hohes Harmoniebedürfnis.

    Es ist ein Trugschluss zu glauben es ginge dem Umfeld besser, wenn keine Erwartungen gestellt werden. Der Mensch ist ein strebendes Wesen. Erwartungen anderer können vom Umfeld als persönliche Herausforderungen angesehen werden. Fehlen die Herausforderungen wird sich der strebende Mensch noch mehr distanzieren als bei einer vermeintlichen Hürde, welche er mit etwas Initiative überwinden kann.

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    6. Februar 2015
  2. Lieber Leser, vielen Dank für die wertvollen Worte. Ist es nicht so, dass wir häufig wegen unseren hohen Erwartungen an andere scheitern? Dass wir so unser Glück und unsere Zufriedenheit schmälern, da wir fordern anstatt grosszügig zu sein? Wie in meinem Text geschrieben sind klar formulierte Erwartungen angebracht. Aber häufig sind unsere Erwartungen nicht reflektiert und dem Moment nicht angepasst. Mangel an Selbstliebe? Kommen daher wohl auch die zu hohen Erwartungen an sich selbst?

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    6. Februar 2015
  3. Leser #

    Grosszügig zu sein ist möglicherweise ehrenhaft, wird aber von unserer Gesellschaft leider vermehrt nicht verstanden oder fehlinterpretiert. Die Leute glauben nicht, wenn jemand keine Erwartungen hat ausser an sich selbst. Sie unterstellen, dass sie die Erwartungen nicht erfüllen können, wenn vermeintlich keine vorhanden sind.

    Wir scheitern meistens nicht an den Erwartungen sondern an der Kommunikation. Wie du sagst, klare Formulierungen sind wichtig. Es ist aber schwierig eine Erwartung zu kommunizieren ohne jemanden zu verletzen. Selbst eine Erwartung, welche Reflektiert wurde und als nichtig erklärt wird ein Gegenüber in der Konfrontation im ersten Moment verunsichern.

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    6. Februar 2015
    • Angst, jemanden zu verletzen, ist wohl auch berechtigt. Es tut weh zu erkennen, dass man verletzt. Auch wenn es für den Moment nicht zu verhindern ist. Natürlich darf man dabei auch nicht vergessen, sich selbst nicht zu verletzen. Aber ja, Kommunikation ist entscheidend und wichtig. Nur wäre es schön, wenn man die „friedvolle“ Kommunikation beherrschen könnte und Impulsivität zu verhindern weiss. Da wünschte ich mir, dass ich jeweils souveräner mit einer schwierigen Situation umgehen könnte…

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      6. Februar 2015
  4. Leser #

    Auch „friedvolle“ Kommunikation kann zu Verletzung des Gegenübers führen. Dabei spielt die Kritikfähigkeit des Betroffenen eine wesentliche Rolle. Dein Blog beweist deine Besonnenheit. Der Schlüssel zu Gelassenheit ist Vertrauen.

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    7. Februar 2015

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