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Großes Wesen im kleinen Körper (1. Teil)

Kinder kommen auf die Welt und sind auf unsere Hilfe und Fürsorge angewiesen. Sie lechzen nach Leben, sind vollkommene Wesen und dennoch möchten sie liebevoll behütet und umsorgt werden. Ihr Körper ist auf unsere liebevolle Pflege und Hege angewiesen. Ihr Geist, die Psyche, möchte Wärme, seelische Nähe und Liebe spüren. Als Dank spenden uns die Wesen eine nahezu göttliche, reine Freude.

Das Kind lernt am besten mit Liebe und Freude. Es baut nicht wie wir Erwachsenen mit Hilfe der Erinnerung oder dem Nachdenken auf, sondern absorbiert seine ganze Umgebung. Es verkörpert das Erfahrene und Erlebte durch den Leib und durch alle seine Gefühle. Maria Montessori nennt dieser Vorgang den Akt des absorbierenden Geistes. Das Kind beobachtet mit jeder einzelnen Zelle und seiner ganzen geistigen Aufmerksamkeit die Geschehnisse im Äußeren und übersetzt diese ins Innere. Es einverleibt sich seine Welt, in der es geboren wurde. Dieser Vorgang erinnert mich an das intuitive Vorgehen, das wir Erwachsene beherzigen und dabei die kritische Ratio gelegentlich besänftigen müssen. Rückblickend fühlt es sich dann meist vollkommen richtig an, dass wir der intuitiven Vermutung gefolgt sind, auch wenn wir es so rational nicht ganz erklären können.

Das Kind lernt seine Muttersprache, indem es diese Sprache aufnimmt und sich ihr komplett verschreibt. Es lernt die Muttersprache besser als ein Erwachsener je eine Fremdsprache erlernen kann. Und dies auf eine ganz spielerische Art. Es erlernt die Sprache seiner Rasse und schafft sich seine kulturelle Identität. Dabei profitiert es von einem Umfeld, dank dem es der gesprochenen Sprache lauschen und ihr zuhören kann. Es ist auch nur normal, dass das Kind gelegentlich Frustrationen oder Wut ausdrückt, wenn es sich verbal nicht ausdrücken kann. Es möchte sich mitteilen und muss zuerst die Instrumente bedienen lernen. Ab dem Alter von zweieinhalb Jahren findet eine Grenzlinie der Intelligenz statt. Dann beginnt eine neue Gestaltung der Sprache, die voller Lebendigkeit und Spontanität ist. In dieser Periode, die bis ungefähr bis zum sechsten Lebensjahr andauert lernt das Kind viele Wörter und Namen und vervollständigt den Satzbau. Nebst der Sprache, finden in diesem Altersabschnitt noch weitere Lernschritte statt und es bildet sich der Ordnungssinn. Hier zeigt sich ein starkes Bedürfnis des Kindes in einer Periode psychisch-konstruktiver Aktivität.

Das Kind kommt sowohl mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit wie mit dem Wunsch nach verbunden sein zur Welt. Es möchte Erfahrungen machen, indem es selbst praktische Arbeit verrichtet. Bloßes Zuhören reicht ihm nicht und verhilft ihm letztendlich nicht zur persönlichen Reife. Der erste Schritt zur Unabhängigkeit erfolgt ab dem Alter von sechs Monaten wenn das Kind signalisiert, dass es nicht mehr durch Muttermilch oder ergänzend mit anderer Nahrung ernährt werden möchte. Das Erlernen der Sprache, als Verbindungsmittel unter den Menschen, bietet einen weiteren Meilenstein zur Unabhängigkeit. Das Kind erobert dadurch das Gehör und die Möglichkeit, das Wort zu gebrauchen. Später, mit etwa einem Jahr, beginnt das Kind zu laufen und auf eigenen Füssen zu stehen. Durch diese erworbenen Fähigkeiten erreicht das Kind mehr Freiheit und dies ist auch das Phänomen der Unabhängigkeit. Wobei das Kind bereits teilweise selbstbestimmend ist, wählt es doch sein Tempo und setzt Prioritäten. Wer normal geboren wird und aufwächst, geht der Unabhängigkeit entgegen, wer dieser ausweicht, ist degeneriert (siehe auch Regression).

Die wichtigste Zeit des Lebens für die Entwicklung der Intelligenz ist nicht die des Hochschulalters, sondern die ersten sechs Lebensjahren inklusive der Geburt. In diesen Jahren entwickelt sich auch die Gesamtheit der psychischen Fähigkeiten (Besonders in der ersten zwei Lebensjahren haben Kinder dringliche psychische Bedürfnisse, die nicht ohne schmerzliche Folgen für den Rest des Lebens übersehen werden können). Dabei ist dies vielmehr eine schöpferische Zeit als eine Entwicklungsphase. Denn das Kind schöpft sozusagen aus dem Nichts und schafft daraus ein individuelles Wunder, das für uns schwierig ist in seinem ganzen Umfang verstandesmäßig zu erfassen. Das große Wesen im kleinen Körper hat anfänglich keinen Willen, bzw. kein Ego und kein Bewusstsein nach unserem Verständnis. Was nicht heißen soll, dass ein solch unbewusster Geist nicht reich an Intelligenz ist.

Der kindliche Geist absorbiert seine Umgebung dank einer starken Kraft an Sensibilität. Das Kind durchdringt die Dinge, indem es dies mit seinem ganzen Leben tut. Es ist keine reine Verstandsarbeit. In dieser kindlichen Intelligenz liegt der Zauber, den ich am ehesten noch mit der Intuition des Erwachsenen in Vergleich setzen würde. Diese Kraft an Sensibilität muss dermaßen stark sein, um eine derartige Intensität an Gefühlen und Begeisterung hervorzurufen. Dabei kann man beim Kind sogar wahre Entzückung als Folge beobachten. Etwas, das uns im alltäglichen Leben eher selten erscheint. Ohne bewusste Kontemplation oder Meditation. (Um zu erklären, was beim Absorbieren der Umgebung geschieht, kann folgender Vergleich gemacht werden: Es gibt Insekten, die einem Blatt oder einem Stengel ähnlich sehen. Diese Insekten können, als Analogie zu dem, was im Kind vorgeht, beschrieben werden. Sie leben auf Zweigen und Blättern, denen sie so stark ähneln, dass sie eins werden mit ihrer Umgebung). Beim Kind geschieht ähnliches. Es absorbiert die Umgebung und verändert sich in Harmonie mit dieser. Man könnte auch sagen: ” Die Kinder werden wie das, was sie lieben”.

So empfiehlt es sich auch ihre Umgebung schön zu gestalten und das Kind am Leben teilhaben zu lassen. Das heißt die Kinder wollen von Anfang an integriert und mit der Welt verbunden sein. Im größten Teil der Länder begleitet das Kind die Mutter überallhin. Die Mutter spricht und verhandelt und das Kind hört und sieht alles. In der Anpassungsphase ist das eine wunderbare und ideale Voraussetzung, denn durch das Zusammensein, in der auch die Ernährung und die Zärtlichkeit eine tragende Rolle spielt, entwickelt sich eine natürliche Anpassung an die Umgebung. Außerdem bleibt das Kind so kaum geistig unterernährt und muss sich weniger bis seltener durch Weinkrisen bemerkbar machen.

Erworbene Kenntnisse und Erfahrungen offenbaren sich dem Kind wie leuchtende Sterne des Wissens. Dies ruft Begeisterung hervor und dies wiederum ist die perfekte Voraussetzung für ein optimales Funktionieren des menschlichen Gehirns. Mit Liebe und mit Freude lernen zeigt oft nachhaltige Wirkung. Das Kind erforscht seine neu erworbenen Erfahrungen und prüft seine Kenntnisse. Zuerst durch das Spiel und dann durch die Arbeit. Dabei sind die edelsten Werkzeuge seine Hände, durch welche es den Menschen in sich aufbaut. (Denn die Hände sind das Werkzeug der menschlichen Intelligenz.)

Das Kind baut seinen Geist auf und nach und nach bildet sich sein Gedächtnis, die Fähigkeit zu verstehen und zu denken. Mit dem Erreichen des sechsten Lebensjahres bringt es dann auch die Geduld auf zuzuhören. Davor lebt es noch in einer anderen Welt. Das Kind zu zwingen zuzuhören käme einem Gewaltakt gleich. Das große Wesen im kleinen Körper ist schlicht und einfach mit anderen Dingen absorbiert, als dass es dies verstehen und befolgen könnte. Somit sollten wir Erwachsene in dieser Phase nicht lehren sondern den kindlichen Geist bei seiner Arbeit unterstützen. Dadurch helfen wir der ganzen Menschheit, denn wir fördern das menschliche Individuum dabei, Wissen mühelos zu absorbieren. Wir schützen gleichzeitig die schöpferische Fähigkeit im Kinde, die von erstaunlicher Kraft ist und dennoch von einer zarten Natur dank ihrer wunderbaren Sensibilität.

Von Natur aus ist das Kind von Freude und Glück erfüllt, wenn es eine Arbeit verrichten darf. Meist lieben die Kinder etwas Neues zu tun und zeigen Begeisterung und Interesse daran. Wir reden hier von einem gesunden und natürlichen Zustand, der jedem Wesen innewohnt. Alles im Leben ist Aktivität. Inbegriff der Aktivität ist das Leben selbst. Entwicklung findet nur mit Hilfe der Tätigkeit statt.

Die Natur bietet dem Kind einen besonderen Schutz. Es wird aus Liebe geboren und die Liebe ist sein wirklicher Ursprung. Die Natur flößt den Eltern die Liebe zum Kind ein. Eine Liebe mit Hingabe des eigenen Ichs an ein anderes, ohne dass dabei die Verstands- und Vernunftarbeit vorausgeht. Eine selbstlose Liebe, die durch das Kind inspiriert wird und etwas Größeres im Menschsein fördert. Verzicht und Selbstlosigkeit.

Um auf die Gesellschaft Einfluss zu nehmen, muss man sich notwendigerweise der Kindheit zuwenden. Denn die Kinder bauen die Menschheit mit den Elementen, die wir ihnen zur Verfügung stellen auf. Daher sind gute Schulen und eine schöne Umgebung die richtigen Mittel. Denn Fortschritt, Wachstum und Entwicklung des Kindes hängen von der Anziehungskraft zu seiner Umgebung ab. Was der erste Moment auf Erden, also derjenige unmittelbar nach der Geburt betrifft, so sollte das Kind soviel wie möglich mit seiner Mutter im Kontakt bleiben. Denn in der Mutter sind Kräfte, an die das Kind gewöhnt ist, und die Kräfte geben ihm die nötige Hilfe in den ersten schwierigen Tagen der Anpassung. Die Umgebung sollte sich nicht zu stark unterscheiden von derjenigen vor der Geburt. Nicht zu viel Licht, nicht zu viele Geräusche, denn das Kind kommt von einem Ort milder Wärme, vollkommener Stille und Dunkelheit. Nach dieser ersten Periode passt sich das Kind ruhig und ohne Widerstreben seiner Umgebung an. Es beginnt der Weg zur Unabhängigkeit. Es öffnet seine Arme der Umgebung und sucht selbst nach Eindrücken. Der erste Schritt im Laufe der Entwicklung ist die Aktivität der Sinne, wobei dies eine Aktivität der Psyche ist.

Das Kind signalisiert schon sehr früh sein Interesse und sein Gesichtchen erhellt sich bei den Dingen, die es liebt. Somit ist es ratsam, das Kind aufmerksam zu beobachten.

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(Quelle: das kreative Kind von Maria Montessori)

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